... diese A la Carte - Geschichte ist im Winterheft 2012/2013 erschienen ...

 Tatort Küche

Schweiß auf der Stirn. Zwei Augenpaare beobachten jede kleinste Regung. Ich atme zu schnell, versuche es zu verbergen. Buchstaben, ein Wort nach dem anderen auf die Seite. Namen und Datum und Ort. - Und Blut. Ein blutroter Fingerabdruck.

Oh, Entschuldigung, habe ich gesagt. „Ich hole gleich ein anderes Buch."

„Mit diesem Fingerabdruck ist die Signatur was Besonderes", hat er erwidert.

„Ist das Ihr Blut?", hat sie gefragt.

Gallowayrind, habe ich erklärt, ich sei gerade an der Leber dran, und eigentlich sollte ich, tut mir leid, längst wieder in der Küche und bei dieser Leber und bei den vielen Bons sein. Weil: Heute geht es wieder einmal - im übertragenen Sinn natürlich - mörderisch zu beim Buchinger. Samstagabend, kein Platz mehr frei, auf der Empfehlungsliste steht alles Mögliche, aber die meisten wollen die Leber. Also muss ich zwischendurch neue Lebersteaks zuputzen. Hannes wartet schon, er kocht - nicht vor Wut, sondern am Herd. Und unser aller Chef, der schießt. - Zwischen Küche und Gasträumen hin und her, weil dass wir momentan schwimmen ist klar, aber untergehen werden wir nicht.

Scheint so, als gäbe es eine ganze Menge Verbindungen zwischen Kriminellem und Kulinarischem, auch abseits meiner Krimis. Weil bei denen ist ganz klar: Meine Hauptfigur Mira kocht und sie denkt dabei über ihre Fälle nach, sie beruhigt sich durchs Kochen (und Essen), bisweilen lädt sie zu Menüs und will so ganz nebenbei mehr über ihre Gäste erfahren. Nur dass eben die Mira nicht ich ist und ich nicht die Mira bin.

„Na, denken Sie sich in der Küche gerade einen neuen Mord aus? Ich hoffe, wir sind nicht die Versuchspersonen ..." Hab ich schon gehört. Ist auch immer wieder ganz witzig. Auch wenn ich selten in unserer Gasthausküche stehe und über Mordmethoden brüte. - Okay, ich gebe zu, für Sekundenbruchteile kommen mir schon Mordgedanken, würden den Gedankenblitzen Taten folgen, handelte es sich allerdings um Mord im Affekt. Etwa wenn Buchinger zwei große Tische gleichzeitig anrichtet und ich keuche, ob wir nicht besser einen hinter dem anderen machen sollten und er antwortet: „Wennst so viel redest, ist ka Wunder, dass du zu langsam bist!"

Adrenalin gehört eben in jede ordentliche Gasthausküche. Behaupte ich jetzt einmal. Ich kenn schon viele, die es lieber immer nett und stressfrei haben, und das sind sicher auch die besseren Menschen, aber ob sie auch die besseren Köche (und Köchinnen!) sind, wage ich zu bezweifeln. Man tut eben in der Küche so, als ginge es ums Äußerste, um Leben und Tod, wenn alle, und das gleichzeitig, ihr Essen, und zwar das Beiried genau auf den Punkt gebraten, das Gemüse knackig aber nicht roh, die Muskatkürbissuppe cremig aber nicht pampig, die Ente rosa aber nicht blutig, das Mousse zart aber nicht schwammig, haben wollen. Und schön aussehen muss es natürlich auch noch. Und zum richtigen Tisch gehen. Und dann sollte es auch noch verstanden werden ... und wenn das nicht passiert ... Ich erinnere mich (wie viele andere, die mit Leidenschaft in der Küche arbeiten) an eine großartige Szene im Film „Bella Martha". Dem Gast hat ihr Steak nicht gepasst. Und zwar nicht zum ersten Mal. Sie nimmt das große Messer, rennt hinaus und rammt es direkt neben seinem Teller in den Tisch. Wunderbar!!!! (Soviel auch zur Warnung, liebe unzufriedene Restaurantbesucher ...)

Dabei ist Essen eigentlich Leben. Und gutes Essen ist gutes Leben. Es ist sozusagen ein Gegengewicht zum Allerbösesten, nämlich zum Tod. Kein Wunder, dass nicht nur ich in meinen Krimis braten und sautieren und kochen lasse. Bei Rex Stout (dessen Nero Wolfe-Krimis leider ziemlich von der eher platten Fernsehserie überlagert wurden) geht es mehr oder weniger nur ums Essen, Todesfälle und Ermittlungen sind nicht mehr als lästige Ablenkungen vom Wesentlichen. Vázquez Montalbán hat mir die deftigste spanische Landküche, Blutwürste und gefüllte Zwiebeln, Kutteln und Reis mit Venusmuscheln, nahe gebracht. Und dazu wunderschöne literarisch-melancholische Geschichten übers Leben und das Sterben vor der Zeit. Manchmal hab ich mich gewundert, wie man nach so viel Fett und Cholesterin überhaupt noch einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn, ihn in die Tat umsetzen kann. Traurig werde ich, wenn mir in diesem Zusammenhang einer in den Sinn kommt, der eine perfekte Verbindung von Kulinarischem und Ausgedacht-Mörderischem gelebt hat: Christoph Wagner. Sein Tod ist nicht nur für die Gourmetszene, sondern auch für die Kriminalliteratur ein herber Verlust. Er war übrigens auch einer, der über die manchmal schon hysterische Inszenierung von Köchen, Gourmet"tempeln" und neuen Trends wunderbar fein spotten konnte.

Die Grenze zwischen hingebungsvoller (Selbst)Darstellung und vollendetem (Selbst)Betrug ist eben fließend, auch wenn es um Gastronomisches geht. Eine Frage, die alle bewegt, die sich nicht nur mit den Vorder- sondern auch mit den Abgründen beschäftigen, lautet: Was lauert hinter dem schönen Schein?

Ich hab ja (bisher) nur einmal mit Blut (wenn auch nicht mit meinem) signiert. Dabei wäre es an sich naheliegend und ein wunderbarer Show-Act: Wo doch heute nicht nur die Kulinarik, sondern auch der Literaturbetrieb die Verpflichtung fühlt, mehr zu tun, als dem eigentlichen Handwerk nachzugehen. Man stelle sich bloß vor, es spräche sich herum, dass da eine kochende Krimiautorin mit Blut unterschreibt ... Wenn die richtigen Journalisten zur richtigen Zeit (der der sauren Gurken) ein Geschichtchen bräuchten, dann könnte so etwas um die Welt gehen. Und meine Krimis würden folgen ... Und ich wäre blutleer. Weil ich könnte wohl nicht immer eine Gallowayleber im Handtaschl haben.

„Die Menschen brauchen ein Erlebnis und nicht Sättigung", hat ein bekannter und bekennender Molekular-Koch vor geraumer Zeit gesagt. Also nicht Essen, um (wenn es gut ist, glücklich) satt zu werden, sondern Show. Ziemlich mörderisch, wenn man bedenkt, wie viele Menschen jeden Tag verhungern. Und niemand soll mir damit kommen, dass noch keiner in Afrika satt geworden ist, weil wir brav aufgegessen haben. Darum geht es nicht. Sondern ... um einen gewissen Respekt. Nicht nur vor den anderen, die nicht so viel Glück hatten wie wir, sondern auch vor dem Essen an sich. Und damit vor dem Leben.

Was wäre die Steigerung? Eine Neuauflage der altrömischen Brot & Spiele? Nur dass man das Brot durch etwas viel Schickeres (und auf keinen Fall Dickmachendes) ersetzen müsste.

Nervenkitzel und Küche ... ich frag mich ja auch, ob Fugu sein muss. Keine Ahnung habe ich von den Feinheiten japanischer Esstradition, das ist wahr. (Die wissen auch nicht, wie großartig das gefüllte Brathendl meiner Oma aus dem alten Holzofen geschmeckt hat.) Aber braucht man wirklich dieses ganz leichte Prickeln auf der Zunge, das angeblich anzeigen soll, dass sich in der Nähe dieses Fischstückchens die fein heraussezierte hochgiftige Leber befunden hat?

Andererseits könnte man sagen, dass da die vielen tödlichen Geschichten rundum wenigstens mitgedacht werden (und offenbar Teil des Genusses sind). Während bei einigen unserer Genüsse eine Menge ausgeblendet wird: Zum Beispiel wenn mehr als neunzig Prozent der Gänsestopfleber dadurch entsteht, dass Tiere als lebende Produktionseinheiten fixiert und maschinell durch den Schnabel für unsere spätere Lust vergewaltigt werden. Interessant auch, dass das Gänsestopfen bei uns seit vielen Jahren verboten ist und trotzdem die meisten der höchstbewerteten Lokale Gänseleber auf der Karte haben. Sind ja „nur" Tiere? - Wobei: In den Augen gewisser Tierschützer bin ich auch eine Mörderin, sind wir beim Buchinger häufig eine kriminelle Leichenzerstücklungsanstalt (noch dazu, wo wir noch ganze oder halbierte Viecher verarbeiten). Aber ich finde eben, es gibt eine Grenze zwischen Tierquälerei und einem Umgang mit Tieren, der zumindest ein glückliches (Vor)-Leben miteinschließt.

Überhaupt geht es beim - oft schmalen - Grat zwischen Kulinarischem und Kriminellem um Grenzen und Grenzüberschreitungen. Große Gemeinschaftsverpfleger müssen zu ganz niedrigen Preisen anbieten, damit sie den Zuschlag bekommen. Da kann es dann schon einmal passieren, dass gefrorene Erdbeeren aus China (!) mehr als zehntausend Kinder in Deutschland krank machen. Es ist davon auszugehen, dass den Verantwortlichen nichts passiert. Weil: Eigentlich wurde ja alles ordnungsgemäß kontrolliert. Wann wird es kriminell, gerade in der Gastronomie das Geld, den Gewinn als höchstes Ziel zu sehen? Pangasiusfilet ist ganz legal, und doch vernichtet es dort, wo es „erzeugt" wird, die Lebensgrundlage von Menschen. Wieviel an (Selbst)-Betrug ist zulässig, wenn gemütliche Gasthäuser und schicke Restaurants mit Billigstprodukten aus dem Packerl oder mit Fleisch, das tausende Kilometer im Tiefkühlschlaf hinter sich gebracht hat, arbeiten?

Aber nicht einmal bei Gesetzen und Verordnungen ist alles klar. Da kenn ich mich ein wenig aus. In grauer Vorzeit hab ich Jus studiert (und das, im Gegensatz zu gewissen Politikern, auch abgeschlossen). Kapiert habe ich gewisse Vorschriften rund um die Gastronomie aber trotzdem bis jetzt noch nicht. Ein Lehrling dürfte sechs Tage arbeiten und nur einen Tag Pause haben. Bei uns hat ein Lehrling drei Tage Pause, aber wenn wir ihn am Tag vor der langen Pause auch nur eine Viertelstunde über die Zeit arbeiten lassen, dann drohen saftige Strafen. Und erzürnte Eltern. Und jede Menge bürokratischer Aufwand.

Oder: Ex-Finanzminister, Banker und alle anderen können sich darauf verlassen, dass ihnen die Behörden ihr Vergehen oder ihre kriminelle Tat zu beweisen haben. Wenn Wirte von der Steuer geprüft werden, gilt erstaunlicherweise die Schuldvermutung.  Da gehen viele Prüfer ganz offen davon aus, dass jede Menge an Gesetz und Finanzamt vorbei läuft. Und da es bei schon Gegessenem und Verdautem schwer möglich ist (Dauervideoüberwachung wäre eine Möglichkeit, vielleicht kommt das noch), das Gegenteil zu belegen, und so ein Verfahren immer mehr an Geld und Zeit kostet, werden dann Vergleiche geschlossen: Egal, wie das mit der Schuld und der Unschuld war.

Natürlich sind nicht alle in der Gastronomie Lämmchen. Aber das soll ja auch sogar auf ehemalige Regierungsmitglieder und selbst den einen oder anderen Gast zutreffen.

Vielleicht sollte ich ja einmal einen Gastro-Steuer-Krimi schreiben ... aber irgendwie klingt das sehr magensauer und unkulinarisch. So hoffe ich eben weiterhin lieber auf das Gute im Gast und der  dazugehörigen -ronomie. Und freu mich, wenn jemand sagt: Ihr kocht mörderisch gut.