HEISSZEIT 51   

Gar nicht so einfach, die Welt zu retten         

Jahrhunderthochwasser auf dem Markusplatz in Venedig. Das weiße Sweatshirt liegt eng an Julias durchnässtem Körper, sie hält ein Schild hoch: CHANCE! Die Bilder gehen um die Welt, Millionen folgen ihr auf Instagram. Einen Tag später ist die Klimaschutzheldin tot.

Ein junger Klimaforscher mit Nobelpreisaussichten hat sich ins Weinviertel zurückgezogen und züchtet hitzeangepasste Bohnen. Er warnt vor Populismus und seinen Folgen. Der größte Sponsor der Bewegung betreibt nicht nur umweltfreundliche Geschäfte. Kann man ihm glauben, dass er der Welt etwas zurückgeben möchte? Warum sind gerade Nationalisten so allergisch gegen grün? Und: Haben Ökos immer Recht? Die Wiener Journalistin Mira Valensky  und ihre Freundin Vesna Krajner bekommen handfest zu spüren, dass ihre Fragen nicht geschätzt werden. Nicht nur die Erde, auch das gesellschaftliche Klima heizt sich auf. 

FOLIO-Verlag, www.folioverlag.com, ISBN 978-3-85256-789-1

 

Leseprobe – so beginnt das Buch …

 Dreimal Wasser auf dem Markusplatz. Das eine ist unbezwingbare Kraft, es schwemmt auf, was nicht stark und schwer genug ist, es steigt und steigt, bis es über allem steht. Das andere fällt herab, nimmt die Luft und dringt in jede Ritze, macht Schirme lächerlich und Menschen kalt. Das dritte setzt die Welt hinter Schleier, so als ob sie nicht real, sondern gemalt und verwaschen wäre.

In diesen Wässern steht eine junge Frau und hält ein Schild hoch. Orange würde es im Sonnenlicht sein, hier haben sich die Signalfarben aufgelöst. CHANCE! steht auf dem Schild, große schwarze Blockbuchstaben und ein Rufzeichen am Ende. Was für eine Chance? Hier in der Sintflut von Venedig? Die Haare der Frau hängen triefend bis über die Schultern, das weiße Sweatshirt liegt eng am durchnässten Körper an, ihr gut geformter Busen zeichnet sich ab. Die Taille kann keiner taxieren, so hoch ist das Wasser bereits. Neben ihr stehen andere, viele sind es. Erschöpfte Wasserwesen, auch ein paar Kinder, denen die Fluten schon fast bis zum Hals reichen. Ein Transparent treibt Richtung Café Florian, RETTET DIE ERDE – JETZT.

 „Konnte sie nicht schwimmen?“

Meine Freundin Vesna schüttelt den Kopf. „Man hat sie vergiftet. Mit Kohlenmonoxid. Im Auto.“

„Ich dachte, sie ist seit zwei Tagen am Markusplatz gestanden.“

„Nicht in der Nacht. Sie haben ihr Hauptquartier eine Stunde weg von Venedig. Jana sagt, du musst etwas tun.“

„Kohlenmonoxid. Wie passend, wo sie gegen zu viel Kohlendioxid gekämpft hat. Und wenn sie im Auto eingeschlafen ist?“

„Bei laufendem Motor und Heizung auf Volltouren? Du glaubst wohl selbst nicht. Außerdem ist sterben gar nicht mehr so einfach, seit Autos Katalysator haben. Es dauert lange, bis genug

Gas im Auto ist. Und ihr Handy ist auch weg.“

„Müsste so eine wie sie kein Elektroauto fahren?“

„Macht sie. Aber Venedig ist weit weg. Man muss schnell sein. CHANCE! hat auch normale Autos.“

„Elektroautos sind nicht abnormal.“

„Du lasst uns anderes Mal darüber diskutieren. Ich mache mir Sorgen um Jana. Sie will dortbleiben. In ihrem Zustand.“

„Italien ist kein Entwicklungsland. Jana ist bloß schwanger.“

„Bloß? Das kannst auch nur du sagen. Sie kommt heim aus Libanon und will nicht erzählen, wer der Vater ist, und will ihn auch nicht sehen, weil es nicht gepasst hat. Und dann geht sie zu CHANCE!. Und jetzt ist die Chefin tot.“

Ich schaue vom Laptop auf und seufze. „Deine Tochter ist erwachsen. Ich verstehe, dass du dir Sorgen machst, aber was könnte ich tun?“

„Wir haben oft schon etwas getan.“

„CHANCE! ist eine sehr populäre Bewegung. Alle Welt versucht herauszufinden, wie Julia Melis ums Leben gekommen ist.“

„Sie spekulieren, das tun sie. Niemand will wissen, was wirklich war. Das Idioten-Blatt hat geschrieben, sie ist ertrunken. Online, da kann man alles schreiben, und genug Leute glauben das.“

„Klingt ja logisch, bei diesem Jahrhunderthochwasser.“

„Alle haben die Bilder gebracht. Auch in Amerika, in Asien. Jana war ganz begeistert. Bilder, die aufwecken. Julia im Hochwasser. Und immer mehr Menschen, die am Markusplatz gegen Klimakatastrophe protestieren.“

 

 Zitate aus dem Buch:

„Populismus. Schon mal etwas davon gehört? Schlimmer als alle illegalen Drogen zusammen.“

„Sie wollte die Welt zum Besseren verändern.“

„Sicher. Irgendwann geht es dann vor allem darum, die Massen zu bewegen. Und die Spirale dreht sich weiter. Was zählt, ist der Erfolg, die Mittel haben sich ihm unterzuordnen. Und irgendwann

bleiben auch die Inhalte auf der Strecke.“

 

"Wissen Sie, seit wann die Aufheizung des Erdklimas durch CO2 bekannt ist? Im Jahr 1896 hat der spätere schwedische Nobelpreisträger Svante Arrhenius ausgerechnet, dass eine Verdoppelung des CO2-Gehalts der Atmosphäre zu einer Temperaturerhöhung um vier bis sechs Grad führen würde. In den Dreißigerjahren hat man in der Fachliteratur den Zusammenhang zwischen beobachteter Erderwärmung und CO2-Anstieg durch die Industrialisierung diskutiert. In den Fünfzigerjahren ist der Nachweis gelungen, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre tatsächlich ansteigt und dass sie durch den Menschen verursacht wurde. Die Isotopenanalyse hat gezeigt, dass es sich um Kohlenstoff aus der Nutzung fossiler Brennstoffe handelt.

In den Siebzigerjahren hat selbst die National Academy of Sciences in den USA vor der menschengemachten globalen Erwärmung gewarnt. Wie sinnvoll ist es, mit Leuten zu reden, die all das noch immer für ein Märchen halten?“

 

„Ist es selbstverständlich, als Umweltökonom auszusteigen, wenn man jeden braucht, der Einfluss hat, um gegen die Erderhitzung zu arbeiten?“

„Einfluss? Viele gut bezahlte Worte an Kids, die mit Geländewagen ins Wochenende brausen, schnell mal nach Tokio jetten und glauben, dass Urban Gardening die Welt rettet. Und Publikationen in Fachzeitschriften, bei denen es vor allem darum geht, wer wo wann schreibt und wer öfter zitiert wird. Unserer Gesellschaft gehen die Inhalte verloren, ist Ihnen das schon aufgefallen? Alles andere ist wichtiger. Ganz oben steht der Konsum.“

 

 

„Man muss unterscheiden: Da gibt es die bezahlten Leugner und ihre Auftraggeber. Und es gibt Menschen, die ihnen glauben, weil sie keine Veränderungen mögen. Denen müssen wir klarmachen, dass die richtig großen Veränderungen gerade dann kommen, wenn sie nichts tun.“

„Und die Ölindustrie und alles, was an ihr hängt, inklusive einflussreicher Politiker?“

„Das sind nur ein paar Leute, gemessen an der Weltbevölkerung. Wir müssen die Menschen mündig machen, es geht um Information. Und um positive Emotion für unsere Erde.“

 

 

„Haben Sie einen Druckkochtopf?“

Ich nicke.

„Sie heizen an, wenn Sie dann aber nicht rechtzeitig die Temperatur regulieren oder den Druck verringern, dann explodiert er. Je nach Außentemperatur, Art des Kochguts, Stärke des Kochtopfs zu einer unterschiedlichen Zeit, aber irgendwann ist es so weit.“

„Klingt jetzt doch ziemlich nach Horrorfilm.“

„Tja. Manchmal sind drastische Beispiele gut.“

 

 

„Pass auf, sonst hauen dich die Rechten. – Jetzt weiß ich, warum gerade unter ihnen besonders viele Klimawandelleugner sind: Sie mögen Grün nicht. In unserer aufgeheizten Zeit wird aus dem Nicht-Mögen eben schnell die totale Ablehnung von allem, was grün ist.“

 

 

„Kann es sein, dass es auf der Welt immer mehr Trottel gibt? Oder ist es nur so, dass die Trottel mehr zu sagen haben?“

Ich lächle. „Ich glaube, ihre Anzahl bleibt konstant. Ist außerdem eine Frage des Blickwinkels. Für sie bin ich der Trottel.“

„Nein, für sie bist du der Feind. Du kannst dich erinnern, dass sie dich niedergeschlagen haben?“

 

 

2017 ist der weltweite CO2-Ausstoß nach drei relativ stabilen Jahren mit 53,5 Gigatonnen auf einen neuen Höchststand gestiegen, vor allem, weil die Wirtschaft weltweit wächst und gleichzeitig der Energieverbrauch nur langsam sinkt. Die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre ist mit 405,5 ppm (parts per million) nun so hoch wie vor drei bis fünf Millionen Jahren. Nur dass damals der Anstieg nicht in ein, zwei Jahrhunderten, sondern in vielen Jahrtausenden erfolgt ist.